Sozialpraktikum (3): Kleider, Essen und ein Wort von Jesus

Pedro Vaz Rodrigues absolvierte sein Praktikum im Zürcher Kreis 4. Er trifft dabei Menschen aus unterschiedlichsten sozialen Milieus. Im Netz4 lernte er eine sozialdiakonische Arbeit kennen, welche aus der EMK Zürich im Kreis 4 entstanden ist. An einem Tag pro Woche unterstützt er die Angebote und Beratungen von randständigen Menschen im Chrischtehüsli.

Pedro, du hast nun etwa drei Viertel des Praktikums hinter dir. Wie fühlt es sich an?

Wenn ich zurückschaue, sehe ich die grosse Anzahl an Neuem, das mir begegnet ist. Neue Situationen, wie z. B. bei Strasseneinsätzen, aber auch Verantwortung, die mir übergeben wurde. Alles in allem: Sehr gewinnbringend.

Wie kam es dazu, dass du dich für dieses Praktikum entschieden hast?

Ich habe vor meiner Zeit am TDS in einem Internat gearbeitet. Anfang Jahr haben Studierende der jetzigen Klasse IV von ihren Praktikumserfahrungen erzählt. Was Philipp Uebersax von seinem Praktikum im Netz4 erzählt hat, hat mich sehr beeindruckt.

Du hast Strasseneinsätze erwähnt. Wie läuft ein solcher ab?

Das Ziel ist primär, bei den Leuten von der Strasse zu sein und ein offenes Ohr für sie zu haben. Das Chrischtehüsli leitet diese Einsätze. Meist verteilen wir auch Essen bzw. gekühltes Wasser im heissen Sommer. Wenn sie Hilfe brauchen, machen wir sie aufmerksam auf unsere Angebote.

Beide Werke sind christliche Angebote. Wie verbindet ihr den Glauben mit euren Angeboten?

Man könnte sagen, die Tat hat Priorität. Aber das andere – den inneren Hunger sozusagen – nehmen wir auch ernst. Gerade auf der Strasse im Gespräch fühle ich oft, meinem Gegenüber würde es jetzt guttun, ein Wort von Jesus zu hören. Tatsächlich werden Menschen oft berührt, wenn wir ihnen einen Zuspruch von Gott mitgeben. Kleider und Essen helfen temporär; Jesus kann Trost geben in die existenziellen Bedürfnisse hinein.

Stösst ihr auch auf Widerstand, wenn ihr den Glauben ins Gespräch bringt?

Klar gibt es auch Leute, die skeptisch sind gegenüber dem christlichen Glauben. Im Gespräch hilft mir die theologische Ausbildung des TDS und die Bibelkenntnis. Ich habe erlebt, dass ich z. B. schlechte Erfahrungen mit Christen oder Enttäuschungen Gott gegenüber in ein besseres Licht rücken konnte.

Aber das Gegenteil ist oft der Fall. Leute schätzen, dass unsere Angebote einen geistlichen Rahmen haben. Zum Beispiel der Imbiss vom Netz4. Hier werden am Freitagmittag Dutzende Menschen von der Strasse mit einer warmen Mahlzeit versorgt. Ein kleiner Input – eine Geschichte aus der Bibel, ein Erfahrungsbericht – gehört auch zum Essen. Und das Angebot, dass wir auch persönlich für Gäste beten, wird oft in Anspruch genommen.

Welche Angebote hast du im Netz 4 auch noch unterstützt?

Das Näh-Café: Ein offener Treffpunkt mit der Möglichkeit, zu nähen. Dann gibt es den Mittagstisch für Jugendliche sowie Freizeit und Coaching Angebote. Hier habe ich oft teilgenommen und mitgearbeitet, manchmal habe ich auch einen Anlass ganz organisiert.

Konntest du dich und deine Talente einbringen? Und bist du auch an deine Grenzen gekommen?

Mir gefällt die Vielfalt. Da ich ein kommunikativer Typ bin, fühlte ich mich rasch wohl bei diesen niederschwelligen Angeboten. Die Hauptleitung eines Anlasses wird mir auch ab und zu anvertraut. Hier bin ich herausgefordert, den Überblick zu behalten. Es geht so viel ab in kurzer Zeit, es ist lebendig und manchmal auch laut und chaotisch.

Bei einer Essensabgabe ermahnte ich eine Frau, sich an die Regeln zu halten und nur ein Sandwich zu nehmen. Sie hat mich dann zehn Minuten lang übel beschimpft.

Wie wurdest du damit fertig?

Ich lernte während diesen zehn Minuten, ihr Verhalten zu trennen von ihr als Person. Mit dieser Sicht konnte ich das Gehörte einordnen. Zudem kann ich es im Gebet ablegen.

Stichwort Abgrenzung?

Ja, die ist wichtig. Auf der anderen Seite fühlen wir mit den Leuten mit, wollen für sie da sein, auch wenn es manchmal schwierig ist. Schön ist es, wenn wir positive Auswirkungen unseres Einsatzes sehen. Für eine Frau, die schlecht deutsch spricht, habe ich ein einfaches Telefon gemacht. Sie war so dankbar, ihre Freude darüber war sichtbar. So kommt immer wieder Wertschätzung zurück, manchmal nicht sofort. Es ist wie bei einer Wanderung: Manchmal steil, aber auf dem Gipfel wird man mit einer schönen Aussicht belohnt.

 

Interview: Matthias Ackermann