Sozialpraktikum (2): «Nicht schnell selber machen ...»

Katharina Metz absolvierte ihr Praktikum im Sozialwerk Novizonte. Die Novizonte Tagesstrukturplätze in Kriens hat Platz für 16 Menschen mit schwerer Beeinträchtigung. Das Sozialwerk mit christlicher Grundlage hat seit bald dreissig Jahren einen Leistungsauftrag mit dem Kanton. Vor ca. acht Jahren entstand die Idee, Menschen mit Migrationshintergrund in der Betreuung zu integrieren.

Katharina, hast du ein Praktikum im Bereich «Menschen mit Beeinträchtigung» gesucht?

Ja, aber nach langer erfolgloser Suche nach einer solchen Institution in meiner Umgebung, wendete ich mich an die Liste vom TDS mit möglichen Praktikumsplätzen. So habe ich die Novizonte gefunden. Ich sagte gerne zu, um ein für mich neues Milieu kennenzulernen. Ich traute mir zu, neben dem sozialpädagogischen Arbeiten auch pflegerische Arbeiten auszuführen. Das war die Bedingung.

Hast du früher schon mit Menschen mit Beeinträchtigung gearbeitet?

Nein, aber ich hatte keine Berührungsängste. Und während meines Praktikums sind Barrieren, die ich noch hatte, ganz verschwunden.

Die Klientinnen und Klienten sind «schwer beeinträchtigt» – das stellt richtig hohe Ansprüche an deren Betreuung. Aber du konntest schon in der ersten Woche grosse Verantwortung übernehmen?

Ja! Im Sommer gab es einige Vakanzen, daher wurde ich schnell eingeführt. Während vier Tagen begleitete ich eine Betreuerin und lernte so die meisten «Handgriffe» der Pflege sowie die Tagesgestaltung. So konnte ich ab dem fünften Tag schon als Hilfsbetreuerin mit wenig Begleitung bei einer Klientin eingesetzt werden.

Konntest du wirklich alles übernehmen: Begleitung auf die Toilette, die Mahlzeiten, die Verlegungen ...

Fast alles. Die Verlegung – z. B. vom Rollstuhl auf eine Liege – setzt ein grosses Vertrauen (von Seiten des Klienten) und grosse Sicherheit (von Seiten der Betreuungsperson) voraus. Bis dieser Prozess klappt, dauert es manchmal mehrere Monate. Eine Klientin spürt jede Unsicherheit. Sie signalisiert Abwehr, wenn ihr bei einer Methode nicht wohl ist. Ich hatte anfänglich Mühe, aber nach ca. zwei Monaten habe ich die Verlegungen selbstständig übernommen.

Welches sind die Prinzipien und Methoden, nach denen ihr arbeitet?

Eines ist: «Der Weg ist das Ziel.» Wir haben Grusskarten für Angehörige gebastelt. Das dauerte fünf Tage. Ich musste immer wieder meinem Impuls widerstehen, etwas rasch selber zu erledigen. Aber damit hätte ich das Ziel verfehlt.

Ein anderes Prinzip ist das des Ermächtigens («Empowerment»). Es zeigt sich z. B. in diesen Formulierungen: Die Klientin und ich arbeiten zusammen, aber die Handlungen werden von den Klienten ausgeführt. Ich begleite sie bei ihren Tätigkeiten. Ein Beispiel: Ich hole nicht rasch die Schere, wenn die Klientin sie beim Basteln braucht. Nein, ich begleite sie. Wir gehen nicht zusammen auf die Toilette, sondern ich begleite sie.

Die Methode «Unterstützte Kommunikation» wird im Novizonte praktisch schon lange umgesetzt. Dieses Jahr wurde auch ein Konzept dafür ausgearbeitet. Unsere Klientinnen können nicht sprechen und ihre Motorik ist stark eingeschränkt. Wie also kommunizieren wir mit ihnen? Die Mitarbeitenden gehen auf die Bedürfnisse jeder Klientin, jedes Klienten individuell ein. So lernten sie zum Beispiel bei einem Klienten, was Ja und Nein bedeutet: Den Kopf nach rechts und links bewegen. Andere zeigen Ablehnung, indem sie ihren Körper versteifen, und Freude, indem sie ein Lächeln auf ihr Gesicht zaubern. So ist es möglich, dass sie mitbestimmen können und nicht einfach wir für sie ein Programm festlegen.

Wie sieht der Tagesablauf aus?

In der Morgenrunde starten Betreuende und die acht Klientinnen und Klienten auf unserer Etage gemeinsam den Tag. Wir erklären, was das heutige Tagesthema ist und welche Elemente wann vorkommen: Therapien, Essen, Aktivitäten. Alles wird an einer grossen Magnettafel mit Bildern und Symbolen visualisiert. Dann singen wir drei Lieder. Die Freizeitaktivitäten finden individuell oder in Gruppen statt, je nach Möglichkeiten und Wunsch der Klientinnen und Klienten.

Eine Besonderheit von Novizonte ist, dass Menschen mit Migrationshintergrund angestellt werden.

Genau. Auf unserer Etage arbeiteten auch Frauen aus Indien und Pakistan. Einige Migrantinnen machen zum Teil eine Ausbildung als Fachperson Betreuung und können ihre Arbeitskraft einbringen. Im Gegenzug werden sie integriert und lernen etwas über das Miteinander in unserer Gesellschaft. Ihre Arbeit verbindet sie. Eindrücklich zeigte sich dies bei zwei Frauen, die aus zwei benachbarten und verfeindeten Ländern kommen. Sie können darüber reden und geben so ein Beispiel für Versöhnung.

Was hast du im Praktikum für dich oder über dich gelernt?

Ich habe viel über den Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen gelernt. Dadurch konnte ich Unwissen und Vorurteile abbauen. Ich konnte mir z. B. vorher nicht vorstellen, wie man mit ihnen kommuniziert. Ich habe erlebt, wie vielseitig doch die Möglichkeiten sind, wie man mit ihnen unterwegs sein kann. Das Praktikum hat mir den Horizont erweitert.

Weiter bekam ich eine grosse Achtung für die Arbeit der Betreuenden. Ich muss mir zugestehen, dass ich dazu – langfristig – nicht in der Lage wäre: Ich habe die Geduld nicht. Die Kommunikation benötigt viel Zeit.

Ich habe gelernt, bei allen möglichen Entscheidungen die Klientin einzubeziehen. Ich musste die Handlungen so einplanen, dass wir sie partizipativ durchführen konnten. Das Prinzip der Partizipation, wie wir es am TDS gelernt haben, habe ich im kleinen Rahmen durchbuchstabiert.

Novizonte ist eine Institution mit christlicher Grundlage. Wie zeigt sich das?

Es ist ein Selbstverständnis von Novizonte, dass hier das Evangelium gelebt wird. Die tägliche Arbeit startet mit einem kurzen Gebet, an welchem alle Angestellten teilnehmen. Der Leiter Roland Aeschimann informiert beim Anstellungsgespräch über die christliche Grundhaltung. Bei der Morgenrunde mit den Klienten werden christliche Lieder gesungen.

Wie gehen Angehörige anderer Religionen und Weltanschauungen damit um?

Novizonte sind die christlichen Ausdrucksformen wichtig. Und doch leben die Angestellten Toleranz und Akzeptanz gegenüber allen Menschen zu 100 Prozent.

Ich habe das Morgengebet oder das Singen in der Morgenrunde als etwas ganz Selbstverständliches erlebt. Alle können sich beteiligen – in aller Freiheit. So wird es als etwas Positives und Druckloses erlebt. Eine Kollegin hat mir erzählt, dass sie wieder einen Zugang zu Religion gefunden hat – einfach durch das Morgengebet. Ich spürte Gottes Anwesenheit in der Novizonte – sie steht unter seinem Schutz.

 

Interview: Matthias Ackermann