Sozialpraktikum (1): Ein neuer Blick auf Alkohol und Drogen

Menschen mit schweren Beeinträchtigungen, einer von Alkohol geprägten Biografie und Obdachlose – drei TDS-Studierende teilen Erfahrungen aus ihren Sozialpraktika. Den Anfang der dreiteiligen Serie macht Remo Rüegg.

Remo Rüegg führte u. a. die Mittelalterwoche durch mit den Klientinnen und Klienten der Institution Hasenberg

Während zehn Wochen fuhr Remo Rüegg täglich mit seinem Velo von zu Hause nach Waldkirch im Kanton St. Gallen. Dort stehen inmitten ländlicher Idylle die Wohn- und Werkstätten der Heilsarmee Hasenberg. Remo half mit bei der Alltagsgestaltung von Männern im Alter von Anfang 20 bis Mitte 80.

Remo, wie kamst du zu diesem Praktikumsplatz?

Ich war interessiert an der Alkoholproblematik. Ich hatte zwar noch keine Erfahrungen damit, aber ging davon aus, dass ich dem Thema –leider – noch öfters begegnen würde. Zudem machte mich ein Austausch mit einem TDS-Studenten neugierig für den Bereich Betreutes Wohnen. So bin ich beim Hasenberg gelandet.

Kannst du uns die Institution Hasenberg kurz vorstellen?

Die Institution bietet Männern in besonderen Lebenssituationen vorübergehend oder dauerhaft Wohnung und eine Tagesstruktur in einem geschützten Rahmen an. Viele haben eine Suchtvergangenheit mit Alkohol oder Drogen, einige sind durch eine Behinderung oder eine psychische Erkrankung eingeschränkt.

Was waren deine Aufgaben?

Ich war dem Bereich Wohnen zugeteilt, gestaltete die Freizeit und plante verschiedene Aktivitäten. Ich spielte mit den Bewohnern Tischtennis, führte während den Betriebsferien Nachmittagsausflüge durch und plante die Themenwoche «Mittelalter». Das Thema entstand übrigens in Zusammenarbeit mit Bewohnern. Bei der Durchführung waren Hauswirtschaft und Werkstätten auch beteiligt.

Sind die Freizeitangebote freiwillig?

Grundsätzlich Ja. Ab und zu wird jemand zu einem Wohntraining «stark motiviert», z. B. «Bettwäsche wechseln». Für jedes Angebot kann man sich einschreiben, und das auch recht spontan.

Konntest du gut mit dieser Kurzfristigkeit leben?

Ich kenne es von der Jugendarbeit aus meiner Kirche. Tatsächlich wurde im Team das Thema Verbindlichkeit diskutiert. Die Vorbereitung der Angebote braucht Zeit, und oft werden diese nicht genutzt oder schlecht besucht.

Konntest du im Praktikum vom Studium profitieren?

Auf jeden Fall! Durch das Praktikum bekam die Theorie – Begriffe wie Professionalität, Distanz, Selbstkompetenzen – Hand und Fuss. Doch beim Schreiben des Praktikumsberichts musste ich dann doch oft in den Unterrichtsunterlagen blättern, damit ich die Theorie korrekt einarbeiten konnte.

Welches waren deine Herausforderungen im Praktikum?

Konsequent zu sein und es auszuhalten, wenn Klienten sich über mich aufregten. Gerade als Praktikant, der neu war und den Hasenberg, die impliziten Regeln und die «versteckten» Abläufe bei Weitem nicht so gut kennt wie die Klienten, war das teilweise herausfordernd. Ab und zu wird man mal «angeschnauzt» und immer mal wieder bewusst herausgefordert. Zum Glück hatte ich immer volle Rückendeckung vom Team und konnte mir in schwierigen Situationen Tipps holen, wie ich zukünftig in ähnlichen Situationen handeln kann. Dabei konnte ich sehr von der Vielfalt im Team profitieren.

Die Institution gehört zur Heilsarmee. Wo wurde der christliche Hintergrund sichtbar?

Bei einigen freiwilligen Angeboten: Bibelstudiengruppen und Gottesdiensten. Die meisten Angestellten haben einen Bezug zum Glauben. Dem gemeinsamen Abschluss beim Essen geht jeweils ein Zitat zum Nachdenken voran, gelegentlich auch ein Bibelwort.

Was hast du gelernt – für dich selber, für dein Studium?

Ich lernte Dankbarkeit. Anfänglich empfand ich sie eher in Abgrenzung zu den Bewohnern: Dass ich gesund bin und gut aufwachsen durfte. Das hat sich im Laufe des Praktikums gewandelt. Ich wurde dankbar für die Schritte, welche einige Bewohner machen durften. Was mich am meisten überraschte war, dass ich schliesslich Gott sogar dafür danken konnte, dass es Alkohol und andere Drogen gibt. Früher klang im Zusammenhang damit immer ein Vorwurf an Gott mit: «Warum gibt es diese Suchtmittel? Die Welt wäre eine bessere ohne sie!» Unterdessen bete ich gelassener: «Du, Gott, weisst warum.» Und denke, vielleicht stünde es um einige Menschen noch übler, wenn sie zu anderen Mitteln greifen würden als zu Heroin und Alkohol. Die vertrauensvolle Haltung «Gott weiss, was er tut» möchte ich unbedingt beibehalten.

Ausserdem durfte ich lernen, weniger verurteilend zu denken. Die Lebenslage vieler Klienten hatte mich anfangs dazu eingeladen, mich über sie zu erheben – auch wenn ich das wohl nicht bewusst tat. Während dem Praktikum durfte ich immer mehr erkennen, dass diese Menschen vor Gott mindestens so gut dastehen, wie ich.

 

Interview: Matthias Ackermann

Remo Rüegg (Mitte) und sein Team in der Vorbereitung der Mittelalterwoche