Selbstbestimmung – Fachtagung der christlichen Sozialen Arbeit

"Woher kommt im christlichen Kontext die Skepsis zu Selbstbestimmung?" Marc Peterhans vom Organisationskommitee begrüsst die Anwesenden der Fachtagung für christliche Soziale Arbeit, diemal zum Thema Selbstbestimmung.

Fünf Institutionen laden unter dem Label „Christliche Soziale Arbeit“ zweijährlich zu einer Fachtagung ein. Das Thema Selbstbestimmung lockte am letzten Freitag gegen hundert Interessierte ans TDS Aarau. Pfarrer Dr. Paul Kleiner beleuchtete das Selbst im Spannungsfeld zwischen Individuum und sozialem Wesen. Die Dozentinnen Dr. Nina Wyssen-Kaufmann und Nathalie Fülbeck betonten die Selbstbestimmung als schützende Funktion der Klientel. In den Workshops bearbeiteten die Teilnehmenden mit Fachpersonen ein für ihr Arbeitsfeld repräsentatives Fallbeispiel.

„Das Selbst steht im Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft.“ So begann Dr. theol. Paul Kleiner sein Referat. In einem geistesgeschichtlichen Exkurs erläuterte er die Betonung des Individuums seit der Aufklärung, welche sich aus „absolutistisch-klerikal-feudalen Bindungen“ emanzipiert habe. Philosophen wie Martin Buber hoben wiederum den Mensch als soziales Wesen hervor („Ich werde am Du“). Unsere Alltagserfahrungen zeigten, dass das Gegenüber unser Selbst bedroht und ermöglicht: „Die Arbeitsstelle fordert acht Stunden täglich plus ganz viel Lebensenergie“. Und: „Die Arbeitsstelle bietet Raum zum Wirken, Gestalten, Erschaffen und für vielfältige Begegnungen.“ Beide Sichtweisen seien real und stünden für das Spannungsfeld vom  Selbst als Individuum und als sozialem Wesen.

Fokus auf dem Individuum

Ein Blick in den Berufskodex Soziale Arbeit Schweiz zeige, dass Selbstbestimmung heute ein wichtiger, wenn nicht sogar der Grundwert in westlichen Gesellschaften ist: „Das Anrecht der Menschen, im Hinblick auf ihr Wohlbefinden ihre eigene Wahl und Entscheidungen zu treffen, geniesst höchste Achtung, vorausgesetzt, dies gefährdet weder sie selbst noch die Rechte und legitimen Interessen Anderer.“ – eigentlich erstaunlich im Kontext der Sozialen Arbeit, meint Paul Kleiner. Der Psychologe Niklas Baer habe gezeigt, dass bei psychisch kranken Menschen der Wunsch nach Autonomie nicht prioritär sei. „Wenn aber Gesunde definieren, dass für Kranke Selbstbestimmung höchste Priorität habe, nehmen sie sie gerade weg!“ beschrieb Paul Kleiner das Dilemma von Selbstbestimmung im Kontext von Betreuungsverhältnissen. Er zitierte nochmals Baer: „Oft ermöglicht Fürsorge eine stärkere Selbstbestimmung.“ 

Schöpfung: Ja zu Individualität, ja zu "Fremdbestimmung"

„Gott hat das menschliche Selbst geschaffen. Zum gelingenden menschlichen Leben gehört darum die Selbst-Bestimmung.“ leitete Paul Kleiner über zu biblisch-theologischen Überlegungen und betonte: „Ein grosses Ja zu Individualität, Selb-ständigkeit und Selbst-entfaltung.“ Das aufklärerische Autonomiestreben, obwohl bisweilen mit Widerstand von Teilen der Kirche, wachse ganz klar auch aus jüdisch-christlichen Wurzeln. Die Betonung der Selbstbestimmung in der Sozialen Arbeit, insbesondere bei Beziehungen mit einem Machtgefälle, habe ein klares biblisches Fundament. 

„Gott hat das menschliche Individuum aber auch als Beziehungswesen geschaffen,“ betonte Paul Kleiner. Darum werde die ethisch gebotene Selbstbestimmung ergänzt: „Das Ja zur eigenen Begrenztheit und zum Angewiesensein auf Andere führt auch zu einem Ja zur Fremdbestimmung.“ Zu einem gelingenden Leben gehöre es, geliebt, umsorgt und anerkannt zu werden: „Das Individuum lebt nicht nur aus dem eigenen Selbst, sondern empfängt auch von Anderen.“

Selbstbestimmung und Selbstverleugnung

Wie verhält es sich mit der im Evangelium geforderten Selbstverleugnung – dem scheinbaren Gegensatz zur Selbstbestimmung? «Das Selbst, das verleugnet werden soll, ist eines, das unabhängig sein will, egoistisch um sich selber kreist und auf Kosten anderer lebt», differenzierte hier Paul Kleiner. Das erlöste Selbst falle weder in Selbstgerechtigkeit noch in Selbstverurteilung. «Christliche Selbstverleugnung liebt Gott und den Nächsten», fasste Kleiner zusammen.

Selbstbestimmung in der Sozialen Arbeit

Im zweiten Teil referierten abwechselnd die beiden Dozentinnen für Soziale Arbeit, Prof. Dr. phil. Nina Wyssen-Kaufmann und Nathalie Fülbeck. Leitgedanke ihres Vortrags war, dass die Selbstbestimmung von Klientinnen und Klienten zugleich Ausgangspunkt und Ziel professioneller Sozialer Arbeit ist. Die Selbstbestimmung erweise sich als Schutzfaktor für alle Beteiligten. Die Referentinnen schilderten typische Grundspannungen in der Beziehungsgestaltung zwischen Fachperson und hilfebedürftiger Person.

Christliche Ethik im Dilemma

Daniel Berger, Leiter einer Mutter-Kind-Institution, beschrieb in einem Praxisbericht ein Dilemma im Spannungsfeld von Glaube und Professionalität. Er stellte fest: «Zum Glauben gehören Überzeugungen, welche bisweilen zu einem inneren Dilemma führen können.» Er ermutigte die Zuhörenden, bestmögliche Wege mit Klientinnen zu gehen, mit dem Blick auf maximal mögliche Selbstbestimmung. «Dazu gehört manchmal auch die Bereitschaft, mitschuldig zu werden.» Oft könne man nicht wählen zwischen falsch und richtig, sondern nur zwischen einer kleineren und grösseren Schuld. «Wir können aber stellvertretend für die Klientinnen deren Schuld vor Gott bringen, als priesterlichen Dienst». Daniel Berger stellt die Selbstbestimmung der Klientin in den Mittelpunkt: «Die Entscheidung liegt schlussendlich in ihrer Verantwortung.»

 

Autor: Matthias Ackermann