Spiritualität als Ressource, Chance und Herausforderung

 

Fachtagung 18.3.2016: Ressource Spiritualität!? Chancen und Herausforderungen im Rahmen einer christlichen Sozialen Arbeit

 

Die soziale und diakonische Arbeit der Christen darf aus einer besonderen Quelle schöpfen. Wenn sie aber im Fokus der Behörden steht, kann es spannend werden. Von Fritz Imhof

 

Wenn (Frei)Kirchen sich sozial engagieren, zum Beispiel mit Flüchtlingen, geraten sie schnell in den Verdacht, missionieren zu wollen. Aber auch sozial ausgerichtete Institutionen sehen sich öfters dem Verdacht von Behörden oder Medien ausgesetzt, den Glauben über die Professionalität zu stellen. Wie kann dieses Spannungsfeld entspannt werden?

Vier Institutionen, die in der Sozialen Arbeit und/oder in der Ausbildung für Sozialdiakone und Sozialpädagoginnen engagiert sind, organisierten gemeinsam die Tagung „Ressource Spiritualität? – Chancen und Herausforderungen im Rahmen einer christlichen Sozialen Arbeit“. Am 18. März fanden sich dazu rund 110 Personen im Theologisch-Diakonischen Seminar Aarau (TDS) ein. 

Spiritualität als Mehrwert

Der Hauptreferent Daniel Zindel, Leiter der Stiftung Gott hilft in Zizers, betonte: Christliche Spiritualität bringt einen Mehrwert in die Arbeit mit Menschen, die Unterstützung brauchen. Und zwar gleichermassen für die Mitarbeitenden wie für die Klienten. Eine spirituelle Grundhaltung ist eine Motivationsressource. Sie schützt vor dem Helfersyndrom, fördert Barmherzigkeit gegenüber den Menschen und ermöglicht Gefühlsregulierung nach Enttäuschungen. Sie vermittelt persönlichen Halt bei Erschütterungen, ermöglicht aber einer engagierten Mitarbeiterin auch, rechtzeitig Halt zu sagen und sich selbst Grenzen zu setzen, wenn sie sich zu überfordern droht. Umgekehrt kann die Einsicht, dass der christliche Helfer aus Gnade lebt, Ansporn zu einer guten Leistung sein, wie das schon der Apostel Paulus beschrieb.

Ein besonderer Vorzug christlicher Mitarbeitenden in der Sozialen Arbeit kann sein: Sie haben ein positives Menschenbild und eine positive Grundbotschaft: Du bist gewollt! Sie sind sich aber auch bewusst, dass der Mensch nicht nur „edel und gut ist“. Christen können beides zusammenbringen und damit umgehen.

Gefahren falsch angewandter Spiritualität

Als Gefahren für christliche Mitarbeitende sieht Daniel Zindel die Versuchung, die „Konfession über die Profession“ zu stellen und damit fachlichen Anforderungen auszuweichen. Dies kann zu Grenzverletzungen führen, zum Beispiel wenn einem Klienten Gebet aufgedrängt wird – oder zur Passivität: Nur noch beten und hoffen, dass ein Wunder geschieht. Glaube darf im Rahmen einer sozialen Arbeit nicht aufgedrängt werden. Freiwilligkeit gilt gerade in diesem Bereich als unabdingbar.

Umgekehrt sollen sozial Tätige bereit sein, auch geistliche Fragen zu beantworten, wenn diese gestellt werden. Manchmal kann es auch zu einem Muss werden, sich auf die geistliche Ebene zu begeben. Denn Spiritualität trägt zur Identitätsentwicklung bei, ergänzend zu einer ausschliesslich säkularen Verankerung Sozialer Arbeit.

Die praktische Umsetzung

Wie das in der Praxis umgesetzt wird, zeigte in einem Workshop der Leiter der Zürcher Streetchurch, Markus Giger auf. Die Streetchurch unterhält eine grosse Palette von Angeboten – von der Jobvermittlung bis hin zu Gottesdienst und Seelsorge. Die Streetchurch ist gleichzeitig Kirche und Sozialwerk. Christliche Spiritualität durchdringt „implizit und explizit“ alle Arbeitsbereiche. Wo es um explizite spirituelle Angebote wie den Gottesdienst geht, ist die Teilnahme freiwillig. Klienten müssen christlichen Angeboten fernbleiben können, ohne irgendwelche Nachteile befürchten zu müssen. Entscheidend ist für Markus Giger das Beziehungsgeschehen. Menschen werden in eine „familiäre und versöhnende Gemeinschaft“ integriert, in der alle die Frohe Botschaft hören. Vertrauen und Transparenz sind Leitworte. In der Praxis kann die Streetchurch junge Leute integrieren, die andernorts als hoffnungslose Fälle gelten. Wenn Jugendliche sich für den christlichen Glauben entscheiden, werden sie öffentlich getauft. Giger betont dabei die Glaubensfreiheit in unserer Verfassung als eine Freiheit, sich auch für einen bestimmten Glauben entscheiden zu dürfen. Probleme habe es deswegen mit den Behörden noch nie gegeben, betont Giger.

Die Sicht der Behörden

Als Vertreter einer Behörde beschrieb Markus Geiter, Leiter der Berufsbeistandschaft des Bezirks Rheinfelden, die behördliche Sicht beim Umgang mit christlichen Institutionen. Den Behörden sei bewusst, dass Christen ein wertschätzendes Menschenbild hätten. Sie kümmerten sich „hingebungsvoll“ um „hoffnungslose Fälle“. Probleme könne es geben, wenn professionelle Grenzen überschritten und problematische spirituelle Praktiken eingesetzt werden, zum Beispiel Exorzismen. Christliche Spiritualität dürfe den Klienten nicht überfordern, und sie dürfe nicht als Mittel zum Zweck eingesetzt werden. Unter dieser Prämisse fasste Geiter die behördliche Sicht der christlichen Sozialen Arbeit so zusammen: „Wenn die christliche Spiritualität gut in der professionellen Sozialarbeit eingebettet ist und die Professionalität gewahrt ist, wenn sie echt und authentisch gelebt wird, dann hat sie ihren Platz und m.E. ein grosses Potenzial.“

Spiritualität am Sterbebett

Schliesslich ermutigte Karin Tschanz, Spitalseelsorgerin in Aarau und Ausbildnerin für Palliative Care, zum Einsatz christlicher Spiritualität bei sterbenden Menschen. Zwar seien die Haltungen von Sterbenden sehr unterschiedlich. Vor dem Tod öffneten sich Menschen aber oft auch für den Glauben und suchten eine Gelegenheit, unbereinigte Dinge in Ordnung zu bringen. Sie ermutigte die Teilnehmenden aber, selbst die spirituelle Quelle aufzusuchen, bevor sie andere dazu hinführen. Jeder muss sich selbst helfen lassen, wenn er andern helfen will.

Die Referate wurden durch einen Praxisbericht von Kathrin Heusser, Sozialpädagogin und Mutter in einer Sozialpädagogischen Pflegefamilie ergänzt. Spiritualität ist für sie Entlastung, Ermutigung und Lebenselement im oft herausfordernden Alltag. In neun Workshops wurden weitere Aspekte von spirituellen Ressourcen gefördert. So auch die Gefahren einer fehlgeleiteten Spiritualität, wie wir sie bei radikalisierten Jugendlichen vorfinden, die sich dem Dschihadismus verschreiben.